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Aktuelles

Wenn´s innen stimmt – stimmt die Stimme

Welche Macht die Stimme haben kann, wenn die innere Einstellung passt

Montagmorgen 6:45 Uhr – ich bin gerade in den frühen Zug nach Frankfurt eingestiegen oder besser, habe mich zwischen Laptoptaschen-tragenden Pendlern und den kofferschleppenden Reisegruppen, einem Kinderwagen und einer Band samt Instrumenten auf meinen Platz durchgekämpft. Neben mir der Fahrgast hat es sich gestern im Restaurant gut gehen lassen – die Knoblauchfahne teilt er jetzt mit uns. Ich bin schon fix und fertig, bevor der Arbeitstag überhaupt richtig angefangen hat und zweifle an der Richtigkeit meiner Entscheidung, statt meines Autos den Zug genommen zu haben. Doch dann werde ich überrascht. Kurz nach Anfahrt des Zuges meldet sich eine sichtlich gut gelaunte und ausgeschlafene Stimme aus dem Lautsprecher und verkündet: 

„Guten Morgen – nachdem auch die Ulmer jetzt ihr morgendliches Fitnessprogramm absolviert haben, lehnen Sie sich doch entspannt zurück und genießen Sie die Fahrt mit der Deutschen Bahn. Mit uns geht´s nach Dortmund und unser nächster Halt ist Stuttgart.“ Man hört noch das Schmunzeln in der Leitung und dann kommt das berühmte „Knack“ und die lustige Stimme ist weg.

Ich muss innerlich grinsen, obwohl ich noch müde bin und denke. „Na, der hat aber Spaß bei der Arbeit“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nächster Halt: Stuttgart. Gefühlt die halbe Landeshauptstadt steht auf dem Bahnsteig, um samt Kind, Kegel und Gepäck den Zug zu stürmen. Ich bin nur froh, dass ich schon sitze. Da wird gedrängelt, geschimpft, über Reservierungen gestritten, angerempelt, sich aneinander vorbeigequetscht, hektisch die wenigen nicht reservierten Plätze belegt. Ein Tumult. Doch dann wieder die Stimme aus dem Off – diesmal im Tonfall väterlich erklärend: „Es ist Montagmorgen – die Autobahnen sind voll und unser Zug auch, aber bei uns stehen Sie wenigstens nicht im Stau. Und wenn Sie bei der Platzsuche jetzt Rücksicht nehmen, wird diese Fahrt auch entspannt“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diesmal auch nach außen grinse und mich umschaue: überraschte Gesichter, mancher fühlt sich sichtlich ertappt und ich meine zu spüren, dass die Atmosphäre unter den Fahrgästen sich schlagartig verändert.

Ich staune nicht schlecht. So eine Fahrgastansage hätte ich der Deutschen Bahn gar nicht zugetraut und es zeigt mal wieder, wie wichtig die richtige innere Einstellung ist, wenn man den Mund aufmacht. Gerade Stimme ist so verräterisch. Sie zeigt uns, ob wir etwas wirklich meinen oder nicht, ob wir nur ablesen oder auswendig Gelerntes wieder geben oder ob wir fühlen. Und genau da liegt der Unterschied zwischen sprechen und sprechen. Wer wirklich etwas zu sagen hat und andere damit erreichen will, der muss es fühlen. Auswendig Gelerntes, jeden Tag in gleicher Weise abgespulte Phrasen sind Teflon-Kommunikation. Sie prallen an uns ab. Wer aber in dem Moment, wo er den Mund aufmacht, wirklich fühlt und ein echtes Kommunikationsbedürfnis hat, wie der Schaffner in meinem Zug, der sagt wirklich etwas. Denn wie hieß es schon in Goethes Faust: „Wenn Du´s nicht fühlst, du wirst es nicht erjagen.“

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