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Aktuelles

Überraschende Messe-Interviews – eine gefährliche Waffe

Warum man bei einem Messeauftritt klare Antworten haben muss – besonders in einer Krise. 

Panorama vom 3.7.2014 – Illegaler Waffenhandel nach Kolumbien – klingt spannend und ist es auch, wenn es auffliegt. So geschehen durch die Recherchen des Investigativ-Formats Panorama. Neugierige Journalisten, mutige Mitarbeiter und eine interne Kommunikation mit mehr als einem Leck ließen das vermeintlich gut getarnte illegale Geschäft des Waffenherstellers SIG SAUER aus Eckernförde auffliegen. Bereits die Recherchen und Anfragen der Medien machten die Konzernspitze um Michael Lüke nervös und sorgten für sichtbaren Aktionismus der Konzernleitung. Die wusste nämlich sehr genau, was da wie illegal nach Kolumbien verkauft wurde. Eine Krise, die man schon kilometerweit gegen den Wind riecht. Doch das schien den Konzernlenkern nicht bewusst zu sein. Denn statt sich Gedanken zu machen, was man zu diesem brisanten Thema in der Öffentlichkeit kommuniziert – falls nachgefragt wird - stellt sich SIG SAUER Chef Michael Lüke auf eine große Waffenmesse, um potentielle Kundschaft für seine Waffen zu begeistern.

Und genau hier taucht er auf – der „Feind“ Journalist – getarnt als interessierter Besucher, aber bewaffnet mit einem Kamerateam, das sich allerdings ein paar Meter neben ihm postiert hat, und einer Frage. Kaum im Sichtfeld steuert Michael Lüke den vermeintlich interessierten Messebesucher an, freundlicher Handshake und Blickaufnahme mit dem Interessenten. Und der fragt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“. Lüke blickt sich um, entdeckt die Kamera und antwortet: „Nein – ich gebe keine Interviews tut mir leid“. Mimik und Haltung sagen genau, was da gerade in seinem Inneren passiert: „Sch… der weiß was, will noch mehr wissen und ich will nichts sagen, wie komme ich da raus…?“ Der Journalist fragt trotzdem nach: „Wieso geben Sie keine Interviews...?.“ - Lüke verharrt kurz und sieht sich um – der Journalist nutzt das Verharren: „...SIG SAUER in den USA gibt auf der Internetseite an, sie hätten Pistolen nach Kolumbien geliefert…“. Lüke bleibt stehen und man sieht, wie es in ihm arbeitet. Und dann tut er das, was mehr sagt als tausend Worte und dem Zuschauer klar macht: Der Vorwurf des Journalisten ist so wahr, dass es wahrer nicht sein kann!

Lükes Hand wandert Richtung Kamera und er hält dem Kameramann die Linse zu. Schwarzes Bild und die Stimme dahinter: „Ich habe gesagt, es gibt keine Interviews…“. Ende des O-Tons – Schnitt – aber es ist ja auch alles gesagt!

Päng – die Waffe des überraschenden Messe-Interviews hat ihr Opfer getroffen. In diesem Fall zurecht. Denn wenn man weiß, dass die Krise vor der Tür steht, dann ist es ratsam, für unübersichtliche Schlachtfelder wie z.B. einen Messeauftritt gute Antworten auf die entwaffnenden Fragen eines Journalisten parat zu haben. Und wenn die Hand vor der Kamera – oder besser der freundliche, aber unmissverständliche Hinweis, dass die Kamera jetzt ausgeschaltet wird, der einzig verbleibende Fluchtweg ist, dann bitte gleich VOR Beginn des verbalen Angriffs. Sonst gewinnt auf jeden Fall der Journalist den kommunikativen Krisen-Krieg.

Hier finden Sie den Beitrag in der ARD-Mediathek 

Ganzer Beitrag von 21:57– 28:44
Ausschnitt Messe: 27:59 – 28:44

Wenn´s innen stimmt – stimmt die Stimme

Welche Macht die Stimme haben kann, wenn die innere Einstellung passt

Montagmorgen 6:45 Uhr – ich bin gerade in den frühen Zug nach Frankfurt eingestiegen oder besser, habe mich zwischen Laptoptaschen-tragenden Pendlern und den kofferschleppenden Reisegruppen, einem Kinderwagen und einer Band samt Instrumenten auf meinen Platz durchgekämpft. Neben mir der Fahrgast hat es sich gestern im Restaurant gut gehen lassen – die Knoblauchfahne teilt er jetzt mit uns. Ich bin schon fix und fertig, bevor der Arbeitstag überhaupt richtig angefangen hat und zweifle an der Richtigkeit meiner Entscheidung, statt meines Autos den Zug genommen zu haben. Doch dann werde ich überrascht. Kurz nach Anfahrt des Zuges meldet sich eine sichtlich gut gelaunte und ausgeschlafene Stimme aus dem Lautsprecher und verkündet: 

„Guten Morgen – nachdem auch die Ulmer jetzt ihr morgendliches Fitnessprogramm absolviert haben, lehnen Sie sich doch entspannt zurück und genießen Sie die Fahrt mit der Deutschen Bahn. Mit uns geht´s nach Dortmund und unser nächster Halt ist Stuttgart.“ Man hört noch das Schmunzeln in der Leitung und dann kommt das berühmte „Knack“ und die lustige Stimme ist weg.

Ich muss innerlich grinsen, obwohl ich noch müde bin und denke. „Na, der hat aber Spaß bei der Arbeit“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nächster Halt: Stuttgart. Gefühlt die halbe Landeshauptstadt steht auf dem Bahnsteig, um samt Kind, Kegel und Gepäck den Zug zu stürmen. Ich bin nur froh, dass ich schon sitze. Da wird gedrängelt, geschimpft, über Reservierungen gestritten, angerempelt, sich aneinander vorbeigequetscht, hektisch die wenigen nicht reservierten Plätze belegt. Ein Tumult. Doch dann wieder die Stimme aus dem Off – diesmal im Tonfall väterlich erklärend: „Es ist Montagmorgen – die Autobahnen sind voll und unser Zug auch, aber bei uns stehen Sie wenigstens nicht im Stau. Und wenn Sie bei der Platzsuche jetzt Rücksicht nehmen, wird diese Fahrt auch entspannt“. Ich ertappe mich dabei, wie ich diesmal auch nach außen grinse und mich umschaue: überraschte Gesichter, mancher fühlt sich sichtlich ertappt und ich meine zu spüren, dass die Atmosphäre unter den Fahrgästen sich schlagartig verändert.

Ich staune nicht schlecht. So eine Fahrgastansage hätte ich der Deutschen Bahn gar nicht zugetraut und es zeigt mal wieder, wie wichtig die richtige innere Einstellung ist, wenn man den Mund aufmacht. Gerade Stimme ist so verräterisch. Sie zeigt uns, ob wir etwas wirklich meinen oder nicht, ob wir nur ablesen oder auswendig Gelerntes wieder geben oder ob wir fühlen. Und genau da liegt der Unterschied zwischen sprechen und sprechen. Wer wirklich etwas zu sagen hat und andere damit erreichen will, der muss es fühlen. Auswendig Gelerntes, jeden Tag in gleicher Weise abgespulte Phrasen sind Teflon-Kommunikation. Sie prallen an uns ab. Wer aber in dem Moment, wo er den Mund aufmacht, wirklich fühlt und ein echtes Kommunikationsbedürfnis hat, wie der Schaffner in meinem Zug, der sagt wirklich etwas. Denn wie hieß es schon in Goethes Faust: „Wenn Du´s nicht fühlst, du wirst es nicht erjagen.“

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