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Aktuelles

Synapsen falsch verschaltet

Wenn Fremdworte zu Stolperfallen werden

Maybritt Illner am Donnerstag dem 22.1.2015. Es geht um das Thema Islam: „Mord im Namen Allahs – woher kommen Hass und Terror?“. Unter den Diskutanten auch der bekennende Atheist und ehemalige Lehrer Jürgen Trittin und Julia Glöckner, die stellv. Parteivorsitzende der CDU. In der Diskussion geht es auch um die mediale Darstellung von Gewalt durch radikalisierte Islamisten. Julia Glöckner will den Vergleich zwischen biblischen Bestrafungsbildern und den Bildern und Geschichten des Koran herstellen:

„Wenn man eine Synapse zwischen den Bildern aus dem Alten Testament und dem Koran herstellt…“ Gelächter im Publikum. Jürgen Trittin korrigiert: „Synopse, Frau Glöckner, Synopse…“ „Danke Herr Lehrer…“ Frau Glöckner ärgert sich sichtbar über die Betonung ihres verbalen Fauxpas und versucht, schnell von sich abzulenken. Denn nichts ist peinlicher als solch ein Fremdwort wählen zu wollen und dann die falschen Synapsen (Kontaktstelle zwischen Nerven- und anderen Zellen) zu verschalten und das falsche Fremdwort aus den Hirnwindungen zu zaubern.

Und wir als Zuschauer freuen uns darüber. Nicht weil wir gemein sind, sondern weil wir froh sind, dass auch andere über das Fremdwort Synopse stolpern. Und sogar die, die es selbst verwenden wollen. Das gibt uns in dem Fall Zeit, das Fremdwort Synapse oder Synopse zu verarbeiten.

Doch das ist nicht immer der Fall. Fremdworte sind auch gefährlich für die Aufmerksamkeit. Man stelle sich das so vor: Der Zuschauer hängt dem „Sprecher“ auf dem Bildschirm immer einen Moment hinterher, bis er verarbeitet und verstanden hat, was da gerade erzählt wurde. So lange der Sprecher in einfachen, kurzen Satzstrukturen spricht und einfache, dem Zuschauer geläufige Worte verwendet, kann der Zuschauer ohne Anstrengung folgen. Fällt ein Fremdwort, stellt man sich das am besten vor wie einen großen Felsbrocken, der dem Zuschauer plötzlich vor die Füße geworfen wird. Der Zuschauer muss den Felsbrocken „bezwingen“. Entweder muss er drübersteigen, drum herum gehen oder ihn aus dem Weg räumen. Sprich – er muss über das Fremdwort nachdenken, es ggf. herleiten oder zerlegen. Das braucht Zeit. Und während er das tut, geht die Geschichte des Sprechers weiter. Allerdings ist der Zuschauer da schon „raus“. Die Lücke zwischen Sprecher und Zuschauer wird größer, die Aufmerksamkeit sinkt. Ulrich Schwinges hat diesen Zusammenhang in seinem Buch „Das journalistische Interview“ so dargestellt:

Und Frau Glöckner zeigt uns auch noch, welche Gefahr in der Nutzung von Fremdworten für den Interviewgast liegt. In stressigen Momenten hat der Interviewte nicht immer die volle Kontrolle über seine Synapsen. Da kann es schon mal zu Fehlschaltungen im Gehirn kommen. Und um die zu vermeiden, ist es empfehlenswert – besonders in Situationen, die man nicht immer mit vollem Bewusstsein kontrollieren kann - einfache, alltägliche Worte zu verwenden. Warum die Synopse ziehen, wenn es die Gegenüberstellung oder der einfache Vergleich auch tut. Das kommunikative Ergebnis wäre sicher vergleichbar, oder sollte man besser sagen synoptisch?

Überraschende Messe-Interviews – eine gefährliche Waffe

Warum man bei einem Messeauftritt klare Antworten haben muss – besonders in einer Krise. 

Panorama vom 3.7.2014 – Illegaler Waffenhandel nach Kolumbien – klingt spannend und ist es auch, wenn es auffliegt. So geschehen durch die Recherchen des Investigativ-Formats Panorama. Neugierige Journalisten, mutige Mitarbeiter und eine interne Kommunikation mit mehr als einem Leck ließen das vermeintlich gut getarnte illegale Geschäft des Waffenherstellers SIG SAUER aus Eckernförde auffliegen. Bereits die Recherchen und Anfragen der Medien machten die Konzernspitze um Michael Lüke nervös und sorgten für sichtbaren Aktionismus der Konzernleitung. Die wusste nämlich sehr genau, was da wie illegal nach Kolumbien verkauft wurde. Eine Krise, die man schon kilometerweit gegen den Wind riecht. Doch das schien den Konzernlenkern nicht bewusst zu sein. Denn statt sich Gedanken zu machen, was man zu diesem brisanten Thema in der Öffentlichkeit kommuniziert – falls nachgefragt wird - stellt sich SIG SAUER Chef Michael Lüke auf eine große Waffenmesse, um potentielle Kundschaft für seine Waffen zu begeistern.

Und genau hier taucht er auf – der „Feind“ Journalist – getarnt als interessierter Besucher, aber bewaffnet mit einem Kamerateam, das sich allerdings ein paar Meter neben ihm postiert hat, und einer Frage. Kaum im Sichtfeld steuert Michael Lüke den vermeintlich interessierten Messebesucher an, freundlicher Handshake und Blickaufnahme mit dem Interessenten. Und der fragt: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“. Lüke blickt sich um, entdeckt die Kamera und antwortet: „Nein – ich gebe keine Interviews tut mir leid“. Mimik und Haltung sagen genau, was da gerade in seinem Inneren passiert: „Sch… der weiß was, will noch mehr wissen und ich will nichts sagen, wie komme ich da raus…?“ Der Journalist fragt trotzdem nach: „Wieso geben Sie keine Interviews...?.“ - Lüke verharrt kurz und sieht sich um – der Journalist nutzt das Verharren: „...SIG SAUER in den USA gibt auf der Internetseite an, sie hätten Pistolen nach Kolumbien geliefert…“. Lüke bleibt stehen und man sieht, wie es in ihm arbeitet. Und dann tut er das, was mehr sagt als tausend Worte und dem Zuschauer klar macht: Der Vorwurf des Journalisten ist so wahr, dass es wahrer nicht sein kann!

Lükes Hand wandert Richtung Kamera und er hält dem Kameramann die Linse zu. Schwarzes Bild und die Stimme dahinter: „Ich habe gesagt, es gibt keine Interviews…“. Ende des O-Tons – Schnitt – aber es ist ja auch alles gesagt!

Päng – die Waffe des überraschenden Messe-Interviews hat ihr Opfer getroffen. In diesem Fall zurecht. Denn wenn man weiß, dass die Krise vor der Tür steht, dann ist es ratsam, für unübersichtliche Schlachtfelder wie z.B. einen Messeauftritt gute Antworten auf die entwaffnenden Fragen eines Journalisten parat zu haben. Und wenn die Hand vor der Kamera – oder besser der freundliche, aber unmissverständliche Hinweis, dass die Kamera jetzt ausgeschaltet wird, der einzig verbleibende Fluchtweg ist, dann bitte gleich VOR Beginn des verbalen Angriffs. Sonst gewinnt auf jeden Fall der Journalist den kommunikativen Krisen-Krieg.

Hier finden Sie den Beitrag in der ARD-Mediathek 

Ganzer Beitrag von 21:57– 28:44
Ausschnitt Messe: 27:59 – 28:44

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